Nițchidorf, deutsch Nitzkydorf, ungarisch Niczkyfalva, liegt im rumänischen Banat im heutigen Kreis Timiș. Der Ort ist vor allem als ehemaliges banatschwäbisches Dorf bekannt.
Auf dem Gebiet des heutigen Nitzkydorf bestand bereits im Mittelalter eine Siedlung. Sie wird 1370 unter dem Namen Kutus erwähnt und 1410 als zur Pfarrei Duboz gehörend genannt. Die mittelalterliche Siedlung bestand allerdings nicht ununterbrochen fort. Während der osmanischen Herrschaft über das Banat, die von 1552 bis 1718 dauerte, verschwand der Ort.
In der Umgebung befindet sich außerdem der Schlossberg (Dealul Cetății), bei dem Spuren einer früheren Befestigungsanlage gefunden wurden.
Die große deutsche Ansiedlung ab 1785
Das heutige Nitzkydorf entstand 1783–1786 während der Josephinischen Ansiedlung unter Kaiser Joseph II. Es gehörte zum sogenannten „Dritten Schwabenzug“. Im Jahr 1785 wurden zunächst etwa 200 Familien angesiedelt.
Die ersten Ansiedler kamen aus dem Elsass, aus Lothringen, der Pfalz, Trier, Luxenburg, Schwaben , aus dem Schwarzwald und aus Schlesien. Später kamen weitere Familien aus Ungarn und Böhmen hinzu. Der ursprüngliche Name war Neu-Wukowar. Während der Ansiedlung setzte sich jedoch der Name Nitzkydorf durch. Er geht auf Graf Christoph von Niczky (Nitzky) zurück, der als Obergespan des Temescher Komitats an der Ansiedlung beteiligt war.
Im Sommer des Jahres 1783 wurden die erste Häuser an die Ansiedler in Nitzkydorf verteilt. Im Herbst war die Hälfte der Häuser fertiggestellt. In der Mitte des Dorfes war ein großer freier Platz. Um dieser Platz sollte die wichtigsten Gebäude des Dorfes errichtet werden: die Kirche auf Nr. 113, das Pfarrhaus auf Nr. 96, das Verwaltungsgebäude auf Nr. 97.
Die ersten Jahrzehnte
Die Anfangszeit war schwierig. 1788 wurde Nitzkydorf im Zusammenhang mit dem Türkenkrieg verwüstet und geplündert. Die Siedler mussten anschließend ihre Häuser und ihre landwirtschaftliche Existenz wieder aufbauen.
Allmählich entwickelte sich das Dorf. Es wurde planmäßig mit geraden, rechtwinklig angeordneten Straßen angelegt – ein typisches Merkmal vieler neu gegründeter Banater Schwabendörfer.
Die katholische Gemeinde wuchs ebenfalls. Die heutige Kirche wurde dem heiligen Erzengel Michael geweiht; der Kirchenbau stammt aus den 1820er Jahren.
19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Nitzkydorf zu einer überwiegend deutschsprachigen Gemeinde. Die Gemeindeangaben nennen beispielsweise:
-
1831: 1.061 Einwohner
-
1850: 1.415 Einwohner, darunter 1.380 Deutsche
-
1880: 2.861 Einwohner, darunter 1.803 Deutsche
-
1910: 3.455 Einwohner, darunter 2.123 Deutsche
Ein wichtiger wirtschaftlicher Impuls war die Eisenbahn, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Nitzkydorf bekommt eine Haltestelle, was den Verkehr und die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes förderte.
Nach dem Ersten Weltkrieg
Nach dem Vertrag von Trianon 1920 wurde das Banat auf mehrere Staaten aufgeteilt. Der östliche Teil, in dem Nitzkydorf lag, kam zu Rumänien. Der Ort trug nun offiziell den rumänischen Namen Nițchidorf.
Zweiter Weltkrieg und Deportation
Für die deutsche Bevölkerung brachte der Zweite Weltkrieg einen tiefen Einschnitt. 1943 wurden deutschstämmige wehrpflichtige Männer aufgrund des Abkommens zwischen der rumänischen Regierung und dem Deutschen Reich zur deutschen Armee eingezogen.
Im Januar 1945 wurden zahlreiche deutsche Frauen und Männer aus Nitzkydorf zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Nach dem Krieg folgte die Enteignung der deutschen Bauern durch die rumänische Bodenreform von 1945. Damit wurde die traditionelle wirtschaftliche Grundlage der deutschen Dorfgemeinschaft weitgehend zerstört.
Die Auflösung der deutschen Dorfgemeinschaft
In den folgenden Jahrzehnten nahm der Anteil der Deutschen stark ab. Während 1941 noch 2.078 Deutsche bei insgesamt 3.157 Einwohnern gezählt wurden, waren es 1977 noch 1.131 und 1992 nur noch 59. Im Jahr 2021 wurden lediglich 11 Deutsche bei insgesamt 1.483 Einwohnern erfasst.
Viele Nitzkydorfer wanderten nach Deutschland, Österreich und andere Länder aus. Dadurch entstand außerhalb Rumäniens eine große Heimatortsgemeinschaft Nitzkydorf, die die Erinnerung an das ehemalige deutsche Dorf pflegt.
Nitzkydorf heute
Heute heißt der Ort offiziell Nițchidorf und gehört zum Kreis Timiș in Rumänien. Die deutsche Geschichte ist jedoch weiterhin sichtbar – unter anderem durch die katholische Kirche, den Friedhof, historische Häuser und die Aktivitäten der ehemaligen Nitzkydorfer.
Besonders bekannt wurde Nitzkydorf auch durch die Schriftstellerin Herta Müller, die dort geboren wurde und 2009 den Literaturnobelpreis erhielt.
Eine ausführliche historische Quelle ist das 1994 erschienene Heimatbuch Nitzkydorf: Chronik und Heimatbuch einer deutschen Gemeinde im Banat, 1785–1992. Das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass darin unter anderem die Ansiedlung, die Herkunft der Familien, der Kirchenbau, Schule, Landwirtschaft, die Weltkriege und das Leben der Gemeinde ausführlich behandelt werden.
Die Geschichte in einer Zeitleiste
1370 – mittelalterliche Siedlung Kutus erstmals erwähnt
1410 – Kutus im Zusammenhang mit der Pfarrei Duboz erwähnt
1552–1718 – osmanische Herrschaft; die alte Siedlung verschwindet
1784–1785 – Beginn der Neubesiedlung
1785 – deutsche Familien kommen; zunächst Name Neu-Wukowar
1785 – Umbenennung in Nitzkydorf
1785 – Beginn der katholischen Kirchenbücher
1788 – Verwüstung während des Türkenkriegs
1825 – Bau und Einweihung der heutigen katholischen Kirche
19. Jahrhundert – starkes Wachstum der deutschen Gemeinde
1880 – 1.803 Deutsche im Ort
1910 – 2.123 Deutsche
1920 – Nitzkydorf kommt zu Rumänien
1930 – die Mühle brennt ab
1941 – 2.078 Deutsche
Januar 1945 – Deportation vieler Nitzkydorfer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion
März 1945 – Enteignung der deutschen Bauern
1977 – noch 1.131 Deutsche
1985 – Gründung der HOG Nitzkydorf in Augsburg
1989/90 – Ende des kommunistischen Regimes; starke Auswanderung
1992 – nur noch 59 Deutsche im Ort
1994 – Veröffentlichung des großen Nitzkydorfer Heimatbuches
2002 – Familienbuch 1785–2000
2009 – Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis
2021 – noch 11 Deutsche in Nițchidorf.